Aus der Partei | Als Lailoma Nemani sagte, dass die Frauen in Afghanistan „in ihrer Heimat wie ausradiert seien“, wurde es still im Raum. So begann ein Abend im Grünen Treff, der vielen Besucher*innen noch lange in Erinnerung bleiben dürfte.
Im Mittelpunkt unserer Dialogveranstaltung standen zwei Gäste, die sehr persönlich vom Leben in ihrer Heimat Afghanistan und ihre Flucht berichteten: eine afghanische Frau und Mutter, die sich vor der Taliban-Machtübernahme aktiv für Frauenrechte eingesetzt hatte, und ihr Sohn, der in Herat Abitur gemacht hat. Beide flohen vor zwei Jahren – zusammen mit Vater und zwei weiteren Geschwistern. Der Tisch im Grünen Treff war mit Interessierten unterschiedlichen Alters sehr gut besetzt, auch der Organisator der Wochen gegen Rassismus, Redouan Tollih, kam vorbei.

„Mädchen und Jungen wollten lernen, hatten Computer“, berichtet Maisam Taee, der Sohn der Familie, über das Leben vor den Taliban. Sein berührender Bericht über seine Jugend macht den Zuhörer*innen deutlich, was er und seine Familie alles verloren haben: Nicht nur das Haus mit dem schönen Hof der Familie, auch die Freunde musste er zurücklassen. Mitgenommen habe er auf der Flucht nur „meinen Rucksack“. Hier angekommen, habe die Familie komplett „bei null“ anfangen müssen.
Die Berichte machten konkret, was abstrakte Schlagzeilen oft verdecken: In Afghanistan sind seit der Taliban-Machtübernahme 2021 grundlegende Rechte – insbesondere für Frauen und Mädchen – systematisch abgebaut worden. Und seit Ende Februar 2026 verschärft ein offener militärischer Konflikt mit Pakistan die ohnehin katastrophale humanitäre Lage. Lailoma Nemani berichtet eindrücklich über die Situation der weiblichen Familienmitglieder, die nicht ausreisen konnten, sie berichtet von Frauen, die gefoltert wurden, nur weil sie lernen wollten, die sich nicht mehr öffentlich zeigen dürfen, verbannt sind in ihre Häuser. Trotzdem gebe es Frauen, die nach wie vor versuchen, die Lage vor Ort zu verbessern – „unter dem Radar der Taliban“. Außerdem versucht Lailoma Nemani ein Netzwerk geflüchteter afghanischer Frauen aufzubauen und von Deutschland aus zu helfen. Sie arbeitet auch mit NGOs zusammen, die mit Hilfsprogrammen in Afghanistan aktiv sind, wie z.B. Terre des Hommes. Jedoch warnt sie „Bitte nicht die Taliban füttern – schaut genau hin, wen ihr unterstützt, damit Frauen wirklich profitieren“, so ihr Appell an uns alle.
Besonders hoben die beiden Gäste hervor, dass die Beendigung des humanitären Aufnahmeprogramms der Bundesregierung für besonders gefährdete Menschen aus Afghanistan eine persönliche Katastrophe sei. Die Familie Nemani ist selbst über das Ausreiseprogramm der Bundesregierung (damals noch unter Annalena Baerbock) nach Deutschland gekommen. Sie warnen die Bundesregierung vor schwerwiegenden humanitären Folgen für tausende Betroffene, die seit Jahren auf ihre zugesagte Aufnahme als „Ortskräfte“ nach Deutschland warten. „Mehr als drei Jahre nach der Machtübernahme der Taliban leben viele gefährdete Afghaninnen und Afghanen weiterhin unter äußerst prekären Bedingungen, insbesondere in Pakistan“, so Lailoma Nemani. Zivilgesellschaftliche Organisationen wie Kabul Luftbrücke, Pro Asyl sowie verschiedene Menschenrechtsorganisationen haben bereits mehrfach auf die dramatische Lage der Betroffenen hingewiesen.
Was der Abend deshalb zeigte: Solidarität ist nicht abstrakt. Lailoma und Maisam sprechen uns direkt an, fordern uns auf, uns als Gesellschaft – und als Grüne vor Ort, zuzuhören und zu unterstützen.
Was du tun kannst: Informiere dich über die Lage in Afghanistan! Sprich mit anderen darüber, teile Berichte afghanischer Frauen in den Sozialen Medien und verschaffe ihnen so Reichweite und Sichtbarkeit.
Leiloma ist Teil einer Gruppe von 170 afghanischen Menschenrechtsaktivist*innen, die in Deutschland leben und in einer Petition an die Bundesregierung fordern, das humanitäre Aufnahmenprogramm für gefährdete Menschen aus Afghanistan wieder aufzunehmen. Hier könnt ihr die Petition lesen:
Bericht: Anne Skribbe, Grüne Bergisch Gladbach · März 2026